Pop/Rock
29
In meiner Sammlung
CD
DIGITAL
Kommentar
Für seine bereits dritte Veröffentlichung innerhalb weniger Monate hat Ryan Adams eine Auszeit von seiner Band, den Cardinals, genommen. Entstanden ist so ein Zyklus von sehr persönlichen Songs mit sparsamen Arrangements, die von Akustikgitarre oder Soloklavier leben. Der treibende Titeltrack, mit dem Adams an seinem eigenen Mythos arbeitet, bildet einen selbstbewussten Auftakt und lässt einen fast Vergleiche sowohl mit John Lennons Plastic Ono Band als auch mit den Grateful Dead der frühen Siebziger anstellen. Die meisten anderen Stücke auf 29 wirken dann entrückt (die träumerischen Titel "Strawberry Wine" und "Elizabeth, You Were Born to Play That Part") bzw. überschwänglich romantisch (der schmachtende Falsettgesang in dem von Herzschmerz erfüllten "Starlite Diner") wie selten zuvor. Adams riskiert weiterhin viel--und nicht jedes Mal geht es gut - wie auf "Night Birds" mit seinem verschwommenen Echoeffekt oder dem allzu theatralischen "The Sadness". "Carolina Rain" dagegen ist ein Indiz dafür, dass Ryan Adams nach wie vor zum Besten gehört, was Alternative-Country zu bieten hat. Im letzten Track, dem eindringlichen "Voices", klingt er wiederum, als wollte er weniger ein Lied singen als dem Zuhörer ein Geheimnis anvertrauen. Adams weigert sich eben, sich selbst Zwänge oder Grenzen aufzuerlegen. Wie heißt es im Titelsong: "You can't hang on to something that won't stop moving."
Nicht, dass an Adams beiden Veröffentlichungen des Jahres 2005, Cold Roses (Mai) und Jacksonville City Nights (September) viel auszusetzen gewesen wäre, im Gegenteil – beide Alben gewannen die Fans wieder zurück (und einige neue dazu), die mit Adams schauderhaftem Rock’n’Roll Ausrutscher nichts anzufangen wussten. Aber 29 ist eben noch ein bisschen besser, zumindest wenn man Adams am liebsten in einem möglichst reduzierten, intimen Umfeld hört, das ihm genug Platz lässt, sein Gespür für schöne Melodien und melancholische Texte so richtig auszuleben. Zugegeben, „Carolina Rain“ hätte auch gut auf eine der beiden Vorgängerscheiben gepasst und die grossartige Titelnummer (Adams Alter) mit ihrem wohl autobiographischen Text auf Gold – ich würde wetten, dass da wieder Adams kongenialer Produzent Ethan Johns die Hand im Spiel hatte (meine CD kam ohne Cover und Informationen). Die meisten anderen Nummern, etwa das herzzerreissende „Blue Sky Blues“ mit seinen subtilen Streichern und das tottraurige „Starlite Diner“ schliessen sowohl vom Sound als auch von der Qualität her aber eher an Adams beste Werke Heartbreaker und Love Is Hell an. Herausragend weiters das täuschend simpel beginnende „Nightbirds“ mit seinem unerwarteten „sowas-kann-sonst-nur-Neil-Young“-Schluss, „Voices“ mit seinem enigmatischen Text und vorallem das ziemlich unglaubliche „The Sadness“, das über einen Flamenco-Rhythmus eine dramatische Liebesgeschichte erzählt in der Adams beteuert, keine Hure zu sein und selbst mit Gott zu kämpfen, wenn nötig. Brilliant. So, und können wir als nächstes bitte die seit Ewigkeiten verschobenen Alben 48 Hours und vorallem The Suicide Handbook haben?!
Titelliste
Tracks
- 1 Twenty Nine
- 2 Strawberry Wine
- 3 Night Birds
- 4 Blue Sky Blues
- 5 Carolina Rain
- 6 Starlite Diner
- 7 Sadness
- 8 Elizabeth, You Were Born to Play That Part
- 9 Voices