Solo-Künstler
Alice Cooper
1 Album
Biografie
Cooper, Alice, bürgerlich: Vincent Damon Furnier (voc), am 4. Februar 1948 in Detroit, Michigan, als Sohn eines Elektronik-Ingenieurs geboren, tat sich 1965 in Phoenix, Arizona, mit seinen Kunstakademie-Freunden Mike Bruce (g, kb), Glen Buxton (g), Neal Smith (perc), Dennis Dunaway (bg) zu einem Show-Quintett zusammen, das das ästhetische Konzept des Dadaisten Marcel Duchamp in einer Mixtur aus Rock und Theater konkretisieren wollte. Die fünf nannten sich zunächst The Spiders, dann Nazz und, als eine Band aus Philadelphia diesen Namen für sich reklamierte, 1966 schließlich Alice Cooper. Der typisch amerikanische Frauenname als Pseudonym für eine Männerband und deren Hauptakteur sollte die Schock-Einsicht vermitteln, daß «biologisch gesehen jeder weibliche und männliche Anlagen in sich trägt» (Alice). Die Verdrängung dieser latenten Bisexualität und die daraus resultierende Gewalttätigkeit wollten die Coopers mit einer aggressiven, homoerotischen Sado-Maso-Show dokumentieren. «Wir sind die amerikanische Band schlechthin», behauptete Alice. «Wir sind das Endprodukt einer Überflußgesellschaft. Es macht uns Spaß, auf die Bühne zu gehen und der Öffentlichkeit zu zeigen, wie weit es mit ihrer Welt gekommen ist.» Das demonstrierte die Gruppe fortan immer intensiver. Als Protegés von Frank Zappa, der sie 1967 zu seinem Straight-Label holte, verwirrten sie ihr Publikum zunächst mit Make-up-verschmierten Gesichtern, femininem Gehabe und gleichgeschlechtlichen Anspielungen. Gedrängt von der gegen Ende der sechziger Jahre zunehmenden sexuellen Liberalität, stiegen die Cooper-Leute, die sich von den Kinks, dem Comicstrip ?Barbarella? und der TV-Kriminalserie ?77 Sunset Strip? gleichermaßen beeinflußt fühlten, auf einen grotesk übersteigerten Horror-Trip um. In makabren Ritualen der Kinderschändung (Songtitel Dead Babies), Galgen-Exekution (Killer-LP) und Nekrophilie (Titel I Love The Dead) zeigten sie sich als «düstere Alternative zu Grand Funk Railroad» (?Stereo Review?). Auf Mammuttourneen führten sie mit Millionenaufwand perfekt inszenierten «Grand Guignol Rock» (?Time?) vor, der als «chaotischer Reflex des elektronischen Zeitalters» (?Circus?) mit den Requisiten einer schwarzen Broadway-Show dargeboten wurde. Mit einem elektrischen Stuhl, einer Guillotine, Floretts und Klappmessern, einer lebenden Boa constrictor, Rauchbomben, explodierenden Bettfederkissen sowie makabren Femeritualen, narzißtischen Lustübungen und einstudierten Schlägereien zwischen den Bandmitgliedern versuchten sie ihrem Teenager-Publikum klarzumachen, «daß Amerika sich auf Sex und Gewalt aufbaut» (Alice). Auf ihren üppig ausgestatteten Langspielplatten, die mangelnde Musikalität durch vorzügliche Produktion tarnten, riefen sie zur Rebellion gegen alle Autoritäten auf, zumeist jedoch so unglaubwürdig übersteigert, daß Eltern und Erzieher gar nicht erst in diese künstlich verbreiterte Generationenkluft tappten. «Da es immer schwerer wird, Erwachsene zu schockieren», erkannte der Kritiker Noel Coppage, «ist Alice Cooper ein Beispiel dafür, wie sehr sich eine Band heutzutage anstrengen muß, um den schlechten Ruf zu erlangen, der Elvis einst mit einem einfachen Hüftschwung zuteil wurde.» Alice Coopers Lebensstil war privat weit von jeder Rebellen-Attitüde entfernt. Der notorische Biertrinker (Marke Budweiser) und Fernsehnarr, der zeitweilig den Dada-Veteranen Salvador Dalí, den Marx Brother Groucho, den Tänzer Fred Astaire und den Modemacher Pierre Cardin zu seinen Freunden zählte, genoß das Glamour-Leben einer Show Business-Berühmtheit, fand Politik langweilig und bekannte, mit einem Blick auf seine Goldenen Schallplatten: «Ich mag die Art und Weise, wie das System in den Vereinigten Staaten funktioniert. Es macht mir nichts aus, ausgenutzt und manipuliert zu werden.» Als das System im Watergate-Horror nicht mehr so gut funktionierte, wurde Alices Schrecken kommerziell unrentabel. Cooper löste sein Ensemble kurz vor dem Abstieg auf und hielt sich nach allen Medien-Seiten hin offen. 1975 entschied er sich für eine thematische Rückkehr an die Stätte früherer LP-Untaten und verhieß der Plattenkundschaft: Willkommen in meinem Alptraum. Doch im Gruselkabinett des Schock-Rock spukten inzwischen viel extremere Geister. Cooper taugte gerade noch als Themamusik-Gespenst in Billigfilmen wie ?Freitag, der 13., Teil VI? (1986). «Der Schlangenmensch hat die Giftzähne des Exzesses gegen Milchzähnchen eingetauscht», höhnte der ?New Musical Express? über Coopers zahmes Comeback. Mit From The Inside (1979), zu der Bernie Taupin (_Elton John) die Texte schrieb, verarbeitete er Selbsterlebtes: seinen Aufenthalt in einer Klinik für Alkoholkranke. 1988 geriet ihm anläßlich einer Probe zu einer Show das obligate Selbsterhängen ein wenig zu realistisch: Nachdem die Sicherheitseinrichtung versagt hatte, konnte ihn ein Roadie gerade noch retten. Nach seinem Einstandsalbum Trash (1989) bei Epic, das weltweit 2,5millionenmal verkauft wurde, sah ein verjüngtes Publikum in dem Altrocker einen Vorläufer von Death Metal und Black Metal. Lange genug im Geschäft, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, nahm Cooper die LP Hey Stoopid (1991) auf und ließ sich von den Gitarreros Joe Satriani, Steve Vai und Slash von Guns N' Roses begleiten; Ozzy Osbourne und Axl Rose waren ebenfalls mit von der Partie. Beträchtliche Mengen der Erstauflage verkaufte er in einer ungewöhnlichen Promotion-Aktion persönlich zum Stückpreis von 99 Cent auf dem New Yorker Times Square. Sein Song Feed My Frankenstein aus der Filmkomödie ?Wayne's World? (1992), in der er auch eine Nebenrolle spielte, plazierte sich auf Nummer 27 in den britischen Charts. Die Single Lost In America (1994) schaffte es in England sogar auf Platz 22. 1996 war Cooper im Duett mit dem Hip Hopper Rob Zombie in der Warner Bros.-Anthologie Songs In The Key Of X mit musikalischen Themen aus der Mystery-Fernsehserie ?Akte X? zu hören. Weitere Song-Flirts mit dem Mysteriösen, Abstrusen und Abseitigen legte er auf den Alben The Last Temptation (1994), A Fistful Of Alice (1997), Freedom For Frankenstein (1998), Brutal Planet (2000) vor. Zur Erholung von derlei strapaziösen Psychotrips, die er gleichwohl nur mehr als pures Entertainment einschätzte («Ich entlasse mein Publikum nie mit einem unguten Gefühl, eher mit Luftballons und Konfetti im Haar»), spielte er im wirklichen Leben passioniert Golf, joggte nach Möglichkeit sechs Kilometer täglich und eröffnete 1999 in Phoenix, Arizona, ein Lokal namens Cooperstown. Zwar starb Alice Cooper in der Mitte seiner Show Brutal Planet im Jahr 2000 immer noch durch die Guillotine, aber im zweiten Teil wurde, ganz in Weiß, nur noch herzlich gerockt und gerollt. An den alten Grusel erinnerten nur noch die alten Songs - seit 1999 nachzuerleben in der 4-CD-Box The Life And Crimes of Alice Cooper auch mit Alternativ-Versionen, Raritäten und einem Booklet, in dem neben John Lydon (über Coopers «Frechheit und Mut») auch der Easy Listening-Guru Burt Bacharach (über Coopers «Einfallsreichtum und Kreativität») zu Wort kam. Warum auch nicht? Mit dem Musical- und Filmmusik-Komponisten der Disney Company, Alan Menken, hatte der einstige Schocker schon 1999 für ein Konzertalbum Kontakt aufgenommen. Zu Menkens Theater-Hits gehört schließlich nicht nur ?Little Shop of Horrors?, sondern auch ?Beauty and the Beast?. 2001 brachte der längst zur Karikatur einer Karikatur verkommene Gruseloldie das Album Dragontown heraus.