B
Biografie
Blur, 1988 in London gegründet, wurden 1995 von der britischen Musikpresse, allen voran den im selben Verlag erscheinenden Blättern ?New Musical Express? und ?Melody Maker?, in eine Idealkonkurrenz zu Oasis gezwungen, wie weiland die Beatles und die Rolling Stones. Damit erschöpften sich die Gemeinsamkeiten: Während die Fab Four und die Stones direkte Konfrontationen vermieden, schienen Blur und Oasis wenn schon nicht Gefallen, dann doch Interesse an dem absurden Spiel zu haben und bedachten sich gegenseitig mit ausgesuchten Unflätigkeiten. Das Blur-Debütalbum Leisure (1991) wurde vom Publikum kaum beachtet, Modern Life Is Rubbish (1993) ließ die Kritik aufhorchen, Parklife (1994) brachte der Band um den Keyboarder und Sänger Damon Albarn, geboren am 23. März 1968 in Whitechapel, London, den Durchbruch bei der Musikpresse und beim britischen Publikum. Dabei zeigte schon Leisure die Qualitäten der «Cockney-Rocker» (?Rolling Stone?) um Albarn, der zusammen mit dem Bassisten Alex James, geboren am 21. November 1968 in Dorset, und dem Gitarristen Graham Coxon, geboren am 12. März 1969 in Rinteln, Deutschland, an einer Kunstschule in London studiert und mit Drummer Dave Rowntree, geboren am 8. April 1963 in Colchester, Essex, zunächst die Band Seymour gegründet hatte. Hilfreich war, daß die Musiker sich teilweise bereits in Colchester gekannt hatten - Albarn hatte dort eine Musikschule besucht. 1989 beeindruckte ein Demoband des Quartetts den ehemaligen ?Sounds?-Journalisten Andy Ross und den früheren Teardrop Explodes-Keyboarder Dave Balfe, die zusammen das Label Food betrieben. Die beiden Food-Eigner wollten die Band unter Vertrag nehmen, bestanden jedoch auf einem Namenswechsel; aus einer von Balfe und Ross vorgelegten Liste wurde Blur ausgewählt. Das strikte Engagement von Food zahlte sich bald aus: Die ersten Singles, She's So High und There's No Other Way, erreichten die Charts, das Album Leisure die Top Ten. «Impertinenter Pop» nannte ?Q? die Songs in der Tradition von Kinks, Small Faces und XTC. Zweierlei war beachtenswert: die Texte Albarns, die in distanzierter und dennoch kenntnisreicher Weise das britische Alltagsleben beschrieben, und das gitarristische Können Graham Coxons. Doch zeigten sich die Food-Besitzer Balfe und Ross angesichts des schnellen und leichten Erfolges mißtrauisch. Obwohl die Kritik das zweite Album, Modern Life Is Rubbish, wiederum mit Lob bedachte, verhielt sich das Publikum desinteressiert. Modern Life Is Rubbish galt als der Flop der Band, obwohl die Platte nicht schlechter, sondern eher noch differenzierter als Leisure war. 1994 konnte Albarn wieder sein bübisches Grinsen aufsetzen, mit Parklife war die Band erfolgreicher denn je: «Sind sie wirklich die beste britische Band seit den Smiths? Mit dieser Platte, verdammt noch mal, sind sie es!» (?Melody Maker?). Blur hatten für das wieder von Stephen Street produzierte Album die britische Musikgeschichte durchforstet: Neben Reminiszenzen an Kinks, Who und Beatles waren Anklänge an Music Hall und New Wave auszumachen, ohne daß nostalgische Gefühle bedient wurden. Albarn hatte auf die scheinbar vertrauten, von der Band stilsicher umgesetzten Klänge bissige Texte gesetzt. «Omas neue Zähne» wurden ebenso Gegenstand seines kalten Blicks wie die krude Behauptung, noch nicht einmal «wert zu sein, begraben zu werden». Magic America ließ an ironischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und paßte gut in den grassierenden Chauvinismus der jungen britischen Bands. Die Begeisterung der Presse über das Album war verständlich. Blur kam wie gerufen angesichts der zweiten erfolgreichen Band, Oasis. So hetzten die britischen Musikblätter die beiden Gruppen aufeinander bis hin zu einem Showdown der Singles, die im Spätsommer 1995 zeitgleich veröffentlicht wurden. Die Presse-Präsenz stieg vor allem Titelblatt-Hauptdarsteller Albarn zu Kopf: «Es gibt momentan kein Land in der Welt, wo soviel Neues rauskommt wie hier ... all die alten Größen interessieren sich wieder für die neue Musik», und er sah sich selbst im Mittelpunkt des Interesses. Das hatte sich zur Veröffentlichung von The Great Escape (1995) wieder etwas abgekühlt; von den deutlich rauheren Klängen von Blur (1997) wurde kaum mehr Aufhebens gemacht. Anfang 1998 beschloß die Band nach jahrelangem, fast ununterbrochenem Touren (als fünftes Bandmitglied hatte Diana Gutkind [kb] teilgenommen), «auf absehbare Zeit» (Albarn) keine Konzerte mehr zu geben. Albarn: «Wir wollen mal ein Album machen, das wir nicht auf die Bühne bringen müssen.» Die Band konnte sich eine Pause leisten, denn sie verdiente mit der zweiminütigen Gitarrennummer Song 2 neben Hit-Tantiemen auch als Werbe-Signal viel Geld. Die Firma Intel verkaufte damit Computerprozessoren, die amerikanische National Hockey League machte damit Reklame, die Macher der TV-Serie «The Simpsons» verwendeten es zu ihren Cartoons, nur die US-Luftwaffe beschied Albarn abschlägig: «Wir sind nicht für jeden käuflich.» Nachdem ihn seine langjährige Freundin Justine Frischmann von der Band Elastica verlassen und ihm Konkurrent Noel Gallagher öffentlich Aids an den Hals gewünscht hatte, hockte der Sänger eine Zeitlang in seinem Haus auf Island und zog Bilanz. In die Kommerzmaschine sei Blur eher zufällig hineingeraten, «weil unsere Ironie als Patriotismus interpretiert wurde: Aus einer Beschreibung des britischen Muffs machten die Medien dessen Glorifizierung. Wenn die Realität deine Phantasie zu behindern droht, fühlst du dich zum erstenmal sterblich - und du merkst plötzlich, daß das Leben nicht nur ein Spaß ist.» So holte er sich für das Album 13 (1999) mit Madonnas Produzenten William Orbit (Ray Of Light) einen neuen Producer und ließ für die vorgesehene Single Tender den 40köpfigen London Community Gospel Chor mit viel Tamburin und Handclapping einen «wüst-melancholischen Abgesang auf den frühen Starruhm und die unbeschwerten Freuden der Jugend» (?Der Spiegel?) gospeln. «Mit diesem Album haben wir Gott gefunden», so Blur-Gitarrist Graham Coxton, «es ist ein Album der höheren Kraft, Mann.» - ?Spiegel?-Kritiker Christoph Dallas: «In Wahrheit handelt es sich um großartigen Kunstrock zu virtuos loslärmenden Gitarren.» Blurs vielschichtige CD 13 mit ihren Trip Hop-Beats, Electro-Aquarellen, Folk-Sounds, Punk-Akkorden und Soul-Hymnen war wirklich «das erwachsene und experimentelle Album, nach dem ihnen zumute war» (Thomas Weiland in ?Tip?). Doch wie kaum anders zu erwarten, sprang auch sogleich wieder die Hype-Medienmaschine an. «Eine Jahrtausendplatte» hörte beispielsweise Arne Willander vom deutschen ?Rolling Stone?: «das Sgt. Pepper des ausgehenden Jahrtausends, das weiße Album für das nächste Jahrtausend, 13 Songs für ein neues Millennium, mit dem Jahrtausendproduzenten William Orbit an allen Reglern, der schon das letzte Album der Jahrtausendkünstlerin Madonna so schön jenseitig gemacht hat ...» Oder sollte auch das ein Teil jener Ironie gewesen sein, von der Damon Albarn gesprochen hatte? Als Ende 2000 der Karriereüberblick Greatest Hits in die Läden kam, wußte Albarn eine Art Antwort auf diese Frage. «Ohne uns hätte es den Britpop nicht gegeben», sprach er sehr selbstbewußt: «Wir gaben der Sache eine gewisse Würde. Das brauchte der Britpop, um nicht an der Oberfläche hängen zu bleiben. Nur auf Bier und groben Sprüchen kann man keine Bewegung aufbauen.»
Eine überraschende Abkehr vom Britpop nahmen Blur 2003 auf Think Tank vor. Gitarrist Coxon war während der Aufnahmen ausgestiegen und nur noch in einem Track des Albums zu hören. Das verbliebene Trio zeigte sich wesentlich experimentierfreudiger als in den Jahren zuvor und changierte selbstbewusst zwischen balladeskem Lofi, luftigem Jazz und Dance. Mit einem künstlerisch in jeder Hinsicht überzeugenden Statement hatten Blur den ewigen Wettlauf mit Oasis endlich beendet.
Eine überraschende Abkehr vom Britpop nahmen Blur 2003 auf Think Tank vor. Gitarrist Coxon war während der Aufnahmen ausgestiegen und nur noch in einem Track des Albums zu hören. Das verbliebene Trio zeigte sich wesentlich experimentierfreudiger als in den Jahren zuvor und changierte selbstbewusst zwischen balladeskem Lofi, luftigem Jazz und Dance. Mit einem künstlerisch in jeder Hinsicht überzeugenden Statement hatten Blur den ewigen Wettlauf mit Oasis endlich beendet.