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Solo-Künstler
Joe Cocker
1 Album
Biografie
Cocker, John Robert Joe (voc), am 20. Mai 1944 in Sheffield, England, geboren, hat es mit seinem an Schallplatten von Ray Charles geschulten Soul-Gesang vom Klempner und Rohrleger zur internationalen Kassenattraktion gebracht. Er war einer der Stars des Woodstock-Festivals, von Kritikern gelegentlich schlicht zum «besten männlichen Rocksänger» (?New York Times?) erklärt. Er war «der lebende Beweis, daß man aus Sheffield kommen und trotzdem wie ein Schwarzer aus Mississippi singen kann» (?Rolling Stone?). Jahrelang hatte der «Sänger der Unterprivilegierten» (so sein Kollege Alexis Korner) für rund 100 Mark pro Woche nur in Proletarierkneipen gekreischt und dabei jeden Abend mehr als fünf Liter Bier getrunken. Doch als er 1969 vom großen Show Business entdeckt wurde (die Beatles-Komposition With A Little Help From My Friends machte ihn berühmt), fand er sich nicht mehr zurecht. In 56 Tagen hetzten ihn seine Manager 1970 durch 48 amerikanische Städte. Eine Horde von etwa 50 Musikern, Sängerinnen, Technikern, Managern, Kameramännern, Groupies, Kindern und Hunden reiste in einem Charterflugzeug mit der Aufschrift «Cocker Power», das «immer mal irgendwo zwischenlandete, wenn wir Hunger hatten, heiße Würstchen, Hamburger oder kalte Getränke brauchten» (Producer Denny Cordell). Die chaotische Tour - Cocker: «Ich hatte keine Ahnung, wie viele von uns jeweils auf der Bühne waren und mit dem Tamburin rasselten» - wurde unter dem Titel ?Mad Dogs and Englishmen? verfilmt und brachte den Produzenten volle Kassen. Für Cocker selbst, der anschließend mit einem Nervenzusammenbruch bei seinen Eltern untertauchte, blieben ganze 862 Dollar von der Tournee übrig. 18 Monate lang fuhr Cocker mit Schlafsack und Schlagzeug durch Großbritannien, rastete an Fernfahrerkneipen und rockte dann und wann bei Provinzfesten mit unbekannten Bands. Ins Showgeschäft wollte der kontaktarme, geistig eher unbewegliche Entertainer («Wenn ich nicht zu singen begonnen hätte, wäre ich sicher kriminell geworden») nicht mehr zurück. 1972 jedoch holten seine Manager den Sänger mit psychischem Druck und kommerziellen Verlockungen wieder vor die Mikrofone. «Joe», verlautbarte seine Plattenfirma, «kommt langsam wieder auf die Beine.» Und tatsächlich zeigte er auf der LP Something To Say sein altes Format. Tourneen durch die USA, Europa und Australien bewiesen jedoch, daß Cocker immer noch am Boden war. Zumeist betrunken, zappelte er mit eingeknickten Knien und gespreizten Fingern über die Bühne, zerrte sich nervös an den Haaren, gestikulierte unrhythmisch und hechelte jeden Song, als wäre es sein letzter. Die Australien-Reise mußte schließlich im Oktober 1972 abgebrochen werden, nachdem sich der Sänger gegen eine Verhaftung wegen Rauschgiftbesitzes mit körperlicher Gewalt zur Wehr gesetzt hatte. Erneut tauchte er unter und wiederholte das Comeback-Spiel mit einem überraschend konsistenten Album. Für die in Los Angeles produzierte LP I Can Stand A Little Rain umgab ihn Producer Jim Price mit vorzüglichen Session-Spielern, unter anderen Nicky Hopkins, legte dem Sänger Material hochkarätiger Autoren wie Harry Nilsson, Billy Preston, Jim Webb, Randy Newman vor und veranlaßte Webb und Newman sogar zu je einem Stimme-Piano-Duett. Cockers Intensität, die den Reiz seiner früheren Darbietungen ausgemacht hatte, konnte sich jedoch an den Melodien der Neo-Romantiker nicht entzünden; er interpretierte sie kompetent, aber nicht inspiriert. 1975 schaffte er die amerikanischen Top Ten mit der Ballade You Are So Beautiful und gab weiter weltweit Tourneen. 1981 nahm er zwei Titel mit den Crusaders auf und duettierte sich 1982 mit der Sängerin Jennifer Warnes erneut auf Platz eins. Ihr Song Up Where We Belong aus dem Soundtrack An Officer And A Gentleman wurde sogar mit einem Filmmusik-Oscar ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung im April 1983 wirkte Cocker neben seiner polierten Partnerin völlig daneben; der Mann kämpfte erkennbar ums Überleben. 1984 schloß er einen Plattenvertrag mit Capitol, der in der Folge vor allem weitere Film-Hits hervorbrachte: Edge Of Dream (1984), You Can Leave Your Hat On (?9 1/2 Weeks?; 1986), Love Lives On (?Harry and the Hendersons?; 1987); One Night Of Sin und When The Night Comes (?An Innocent Man?; 1990). Hochs und Tiefs, Konzerte in großen Arenen neben anderen Rockstars oder in kleinen Sälen als Soloattraktion waren in den Achtzigern seine Routine. ?Der Spiegel?: «Immer noch steht der Sänger ziemlich unbeholfen auf der Bühne herum, immer zappelt der ganze füllige Leib, und die etwas kurz geratenen Arme rudern meist im Leeren.» - ?Stern?: «Weil er Unmengen soff und dazu Heroin schniefte, fiel er unter Dealer, Schnorrer, vergeudete Jahre, ließ Verträge platzen, mußte horrende Ablösesummen zahlen. Er hat Schecks in Höhe mittlerer Lottogewinne verschlampt, keine Gelegenheit verpaßt, Geld zu verschleudern.» Er machte eine Single mit Klaus Lage und sang für Beck's-Bier. Der Mitschnitt aus dem Memorial Auditorium in Lowell, Montana, von der 28-Städte-Tournee «The Power and the Passion» neben der Double Trouble-Band von Stevie Ray Vaughan, erbrachte das Album Joe Cocker Live (1990). Im Januar 1991 sang er beim «Rock In Rio II»-Festival in Rio de Janeiro vor etwa 60000 Menschen, absolvierte im Juni ein Heimspiel im Old Trafford-Stadion in Manchester, begann in einem Londoner Studio die Arbeit an Night Calls und trat im Juli schon wieder beim Telluride Midsummer Music Festival in Connecticut auf. Als ihm dann im August sein Manager Michael Lang vorschlug, sich langsam auf den Ruhestand vorzubereiten, wurde Lang sofort gefeuert. Cocker übergab die Geschäfte an Roger Davies, der Tina Turners späte Solokarriere in unerwartete Höhen getrieben hatte und auch hier Tüchtigkeit bewies: Er vermittelte den Sänger, der nicht Gitarre spielt, als erstes zum Festival ?Guitar Legends? ins spanische Sevilla mit Robert Cray und Steve Cropper in der Begleitband. Davies, der auch die Karriere von Tony Joe White wiederbelebt hatte, verschrieb seinem neuen Klienten Whites Let The Healing Begin neben Songs von John Sebastian, Robbie Robertson (The Band) und anderen für das nächste Album mit dem Titelstück von John Hiatt: Have A Little Faith (1994). Die Songkollektion sitze, so ?Stereoplay?, «so perfekt wie ein italienischer Maßanzug». Das von Don Was produzierte Anschlußalbum Organic (1996) mit Neudeutungen alter Cocker-Erfolgsnummern wie Delta Lady, You Can Leave Your Hat On, You Are So Beautiful und einer illustren Studiomannschaft (Randy Newman, Billy Preston, Jim Keltner) nannte die Zeitschrift «ein würdevolles Alterswerk». Einen Überblick über Cockers Karriere seit 1965 bot inzwischen die 4-CD-Box The Long Way Home (1995) mit einem 56seitien Booklet und 14 vordem unveröffentlichten Songs. So schien sich der Sänger, «einer der vitalsten Untoten des Musikgeschäfts» (?Stern?), neben dem Haus in Santa Barbara nun auch noch Eigentümer einer Ranch mit Schweinezucht in den Bergen von Colorado, dann doch auf den Ruhestand vorzubereiten. Seine Alben, resümierte ?Der Spiegel?, «dürfen in keiner CD-Sammlung der aus dem Yuppie-Zeitalter erwachten Materialistengeneration fehlen: Sie sind das Schmerz-Surrogat der am Mineralwasserglas und im Fitneßstudio gestählten Erfolgsmenschen.» Wer aber so erfolgreich ist wie Cocker (zumal in Deutschland), den läßt das Musikgeschäft nicht aus. Nach Across From Midnight (1997) mit Bob Marleys eingeebnetem Could You Be Loved als Single sowie einer Sammlung von Greatest Hits (1999) mit dem Kommerz-Status Gold verkündete EMI-Präsident Heinz Carnibol Ende 1999 in Berlin stolz und vollmundig, die CD zur Jahrtausendwende No Ordinary World mit dem aalglatt gerockten Leonard Cohen-Evergreen First We Take Manhattan und dem London Symphony Orchestra habe schon vor der Auslieferung Goldstatus erreicht. «Es ist schon ein ziemlich ideales Leben, das ich habe», so Cocker im Februar 2000 in der ?Zeit?: «Ich hoffe, daß alles gutgeht. Wo wir jetzt das Jahr 2000 haben, ist alles ein bißchen seltsam. Ich habe gerade erst gelernt, E-Mail zu benutzen. Ich brauche ungefähr eine Stunde, um eine Mail zu schreiben. Das ist auch schon mein ganzer Kontakt mit der Computerrevolution. Ich habe ein bißchen Sorge, daß ich verlorengehe. Einfach nur überleben, das ist mein Traum.» 2002 brachte Cocker ohne viel Aufsehen das Album Respect Yourself heraus.