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Solo-Künstler
Nick Cave
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sehr gut
Biografie
Cave, Nicholas Nick (voc), am 22. September 1957 in Warracknabeal, Australien, geboren, wurde von einem Kritiker-Kartell als «australischer Kultheld» (?Billboard?), «genialer Sänger» (?Musikexpress?), «Hank Williams und Bob Dylan der achtziger Jahre» (?New Musical Express?) gefeiert, von den Musikkonsumenten jedoch weitgehend ignoriert. Seine «Versuche, die achtziger Jahre mit Musik zu terrorisieren» (?The Face?), verstörten viele Popfans als ein «Hammer-Haus des Horrors, wo Frauen zumeist dominant oder tot sind, weggehen oder in Schmerz zerfließen, wo die Väter betrunken oder katholisch sind und wo die Sonne nur scheint, um verweste Körper auszudörren» (?Time Out?). In rücksichtsloser Selbstzerstörung und provokanter Arroganz stilisierte Cave - «schwarzer Zwirn und Junkie-Blässe» (?Village Voice?) - seine persönliche Unfähigkeit, mit dem Leben zurechtzukommen, als mythologische Passion des modernen Rockstars. «So wie sich in den sechziger Jahren unzählige britische Vorortbands wie die Rolling Stones aus importierten Bluesplatten eine neue Identität nach der Legende exotischer amerikanischer Tagediebe zulegten, berauschte sich Nick Cave am düsteren Gebräu südstaatlicher Mythen - den Lynch-Mobs, entflohenen Sklaven, fundamentalistischen Predigern und Kriminellen, die von Leidenschaft und psychopathischen Zwängen getrieben waren» (?Q?). Als Vorsänger der australischen Boys Next Door, als Attraktion der Birthday Party (in London 1981-83) und treibende Kraft bei den Bad Seeds entwickelte er sich vom übergeschnappten Hexendoktor des australischen Rock zum liebeskranken Schmelzsänger von unerwarteter Zärtlichkeit. In Eigenkompositionen wie The Mercy Seat, Your Funeral ... My Trial, From Her To Eternity und Coverversionen von All Tomorrow's Parties (Velvet Underground), In The Ghetto (Elvis Presley), Something's Gotten Hold Of My Heart (Gene Pitney) präsentierte sich Cave als «ein Mann, der die Geister in seinem Kopf mit unzureichenden Mitteln austreiben möchte. Sentimentalität, Bitterkeit, Aufgebrachtheit, Humor und Morbidität lösen sich von seinem Kehlkopf wie die Häute von der Schlange» (Kritiker Jack Barron). Cave hatte nach seinem Abschied von der Birthday Party mit Lydia Lunch, Marc Almond in dem Projekt Immaculate Consumptive musiziert, bevor er mit dem Bassisten Barry Adamson (Ex-Magazine) und dem Multiinstrumentalisten Mick Harvey die Bad Seeds formierte, an denen sich gelegentlich der dann erstaunlich gruppenkonforme Blixa Bargeld von den Berliner Einstürzenden Neubauten beteiligte. Berlin wurde Cave zur zweiten Heimat, die er wie auf einem B-Film-Trip als Asyl der sozial und emotional Gestrandeten ansah: «Viele Angehörige meiner Generation sitzen hier zusammengedrängt in den Bars, stützen den Kopf in die Hände und stöhnen voller Schwermut: ?Zuviel Speed, zuviel Speed.?» Von Speed und härteren Drogen wie Heroin konnte sich Cave 1988 lösen. Zu jener Zeit hatte er in Wim Wenders' Film ?Der Himmel über Berlin? eine kleine Rolle gespielt, war in dem von ihm initiierten Kinoprojekt ?Ghosts of the Living Dead? aufgetreten und hatte ?And the Ass Saw the Angel?, ein Buch «voller pechschwarzer Ironie und perverser Melodramatik» (?NME?), zu Ende geschrieben. Der Sänger, «der die Hausband auf Etage IV in Dantes Inferno anführen könnte» (?Spin?), «hält sich nicht für zu klein, um in jedermanns Fußstapfen zu treten - und er ist dabei ziemlich überzeugend» (?Time Out?). Dies erschloß sich weniger dem Plattenhörer als dem Konzertgänger: Cave sang nicht, er beschwor sein Publikum. In einer quasi religiösen Verzückung ging er in die Knie, richtete den Blick in für gewöhnliche Menschen unsichtbare Welten und streckte die Hände imaginären Personen entgegen. Seine tiefe Stimme verlor sich dabei in kreisenden Monologen, das Publikum schien für ihn nicht mehr zu existieren. Einen vagen Eindruck dieses durchaus authentischen Pathos gab sein 1990 erschienenes Album The Good Son, das er mit Drummer Thomas Wydler, Bassist Mick Harvey, Gitarrist Kid Congo Powers und Blixa Bargeld einspielte, mehr noch das Live-Album Live Seeds von 1993. Mit diesem, wie auch mit der von einer Liebe im brasilianischen São Paulo inspirierten, 1992 erschienenen Platte Henry's Dream zeigte Cave aber auch, daß er im Grunde kein Rockmusiker war, sondern ein Poet, der die Rockmusik benutzt. Seine Zusammenarbeit mit Kylie Minogue und P.J. Harvey für das Album Murder Ballads (1995) und die dazugehörigen Videoclips erschlossen ihm jenseits seiner Fanzirkel ein größeres Publikum. Allzu heftige Umarmungsversuche des Musik-Business wehrte er ab. «Meine Muse ist kein Pferd», verweigerte er seine Teilnahme an der Verleihung des MTV Music Award 1996, «und an Pferderennen nehme ich nicht teil.» Daß er in seiner Heimat Australien für den Hit Where The Wild Roses Grow (Duett mit Kylie Minogue) gleich drei Preise für die beste Single, die beste Pop-Veröffentlichung und den Song des Jahres erhielt sowie von der Urheberrechtsgesellschaft APRA obendrein zum «Songwriter of the Year» erhoben wurde, konnte er nicht verhindern. 1997 geriet er neben der Veröffentlichung seines Albums The Boatman's Call und des Buches ?King Ink II? zweimal in die Nähe der E-Musik: Er war mit der Ballade von Mackie Messer (Mack The Knife) an Video und CD September Songs: The Music Of Kurt Weill von Sony Classical beteiligt und gab im Londoner Barbican neben Pulp, Spiritualized und dem English Chamber Orchestra ein Benefizkonzert für den amerikanischen Avantgarde-Komponisten LaMonte Young. 1998 erschien bei Mute der Sampler The Best Of Nick Cave And The Bad Seeds. Mit dieser Truppe gab er bis ins neue Jahrtausend hinein in vielen Ländern, vielfach bei Festivals wie dem englischen Glastonbury 1998, aber auch im Westport-Zelt vor den Hamburger Deichtorhallen im Sommer 2000, unermüdlich Konzerte. The Boatman's Call habe «wie das Röcheln eines sterbenden Insekts» geklungen, bemerkte er selbstkritisch beim Erscheinen des Albums No More Shall We Part (2001), das Christine Heise, mit den meisten Kritikern übereinstimmend, in ?Tip? als «persönlich, emotional, poetisch, mit schönen, wohlplazierten, tiefsinnigen Formulierungen» pries: «Er singt und schreibt sich in Höhen, in denen er sich nicht mehr mit dem Nimbus des vielseitig trunkenen Mannes umgeben muß, und spielt dazu sein feierliches Klavier.» Die Bad Seeds mit Mick Harvey (g), Blixa Bargeld (g), Warren Ellis (vi), Conway Savage (org), Thomas Wydler (dr) und den Backing-Stimmen Kate & Ann McGarrigle erschienen hier beinahe als so entbehrlich, daß der deutsche ?Rolling Stone? titeln konnte: «Die Vollendete: Nick Cave geht spazieren und Gott geht durch den Raum.» Er selbst wehrte ab: «Meine Sachen sind kaum so ausgefeilt wie die von Leonard Cohen. Ich bin nicht so spontan wie Bob Dylan und singe nicht halb so gut wie Van Morrison.» Ein «düsterer Dandy, die Inkarnation des besessenen Melancholikers», wie ihn schon 1988 das Lifestyle-Magazin ?Tempo? apostrophierte, war Cave in seinem Hausboot auf der Themse mit einiger Mühe geblieben. So verabschiedete er sich im Konzert gern imagegerecht: «You can go and fuck yourself, it's time for me to leave.» Zu seiner reich bebilderten Biographie ?The Life and Music of Nick Cave? im Gestalten-Verlag Berlin erklärte Autor Max Dax Anfang 2000: «Am meisten begeistern mich die Anmut, Konsequenz und Würde, die Nicks ganzes Leben durchziehen. Es gibt nicht mehr viele Stars dieses Kalibers.» Ein unerwarteter Bruch erfolgte 2003 mit Nocturama. Cave verließ den Pfad der schmerzvollen Selbstfindung und gab sich emotional wesentlich ausgeglichener. Böse Zungen behaupteten, die private Zufriedenheit des inzwischen ins idyllische Brighton umgezogenen Sängers ginge zu Lasten der Intensität seiner Songs." Zwar beteuert Cave, es ginge ihm nicht besser als sonst und sein Befinden habe ohnehin nichts mit dem Timbre der Songs zu tun, doch strafen sein zufriedenes Grinsen und vor allem die neuen Songs ihn Lügen" (?Tip'). Umso mehr überzeugte Nocturama als geschlossene Leistung der Bad Seeds, die gerade in den Uptempo-Nummern als halsbrecherische Jam-Band auftraten. Nach den Aufnahmen zu dem Album verließ Blixa Bargeld die Bad Seeds, um sich nach eigenem Bekunden ausschließlich den Einstürzenden Neubauten zu widmen. Seinen Platz nahm der wesentlich offensiver spielende James Johnston von Gallon Drunk ein.